Wen-Sinn Yang
Violoncello

David Popper (1843-1913): Cellokonzerte Nr.1-3

Tradition & Zukunft – David Poppers Cellokonzerte

Cellisten sind Familienmenschen. Unter Musikern wiegt freilich die geistige Wahlverwandtschaft schwerer als ein bloßer gemeinsamer Genpool. Und so zeigt sich Cellolegende János Starker im Vorwort von Steven De’aks Standardbiografie David Poppers aus dem Jahr 1980 kaum darüber beeindruckt, sich selbst auf einem Cellisten-Stammbaum zu erblicken, der einst im Fachmagazin „The Strad“ veröffentlicht worden war. Durch Adolf Schiffer, seinen Lehrer an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest, konnte Starker als US-Amerikaner ungarischer Herkunft den Status eines Enkelschülers des gebürtigen Pragers Popper in Anspruch nehmen. Nach eigener Aussage soll er bei seinem Unterricht meist unter einem Popper-Porträt gesessen sein. Zum Glück haben sich pädagogische Beziehungen unter Musikern schon immer über nationale, religiöse und sogar kontinentale Grenzen hinweggesetzt. Künstler-Stammbäume fungieren bis heute nicht nur als internationales Netzwerk, sondern der kundige Hörer wird im Schüler stets auch die Maximen des Lehrers wiedererkennen können.

Wenden wir uns dem Ausgangspunkt, einem der Hauptäste des Baumes neben Bernhard Romberg (1767–1841) und Adrien-François Servais (1807–1866), zu: David Popper (1843–1913). Mit der Charakterisierung „famoser Ton, große Technik“ rühmte Hans von Bülow den 21-jährigen Senkrechtstarter. Dessen junge Meisterschaft im ebenso kraftvollen wie klangreichen Cellospiel basierte auf der durch seinen Lehrer Julius Goltermann (1823–1876) vermittelten Überlieferung der „Hamburger Schule“. Auf dieser soliden Grundlage arbeitete Popper weiter an der Vervollkommnung seiner Technik.

Portait: David Popper
David Popper (1843-1913)

Kaum zu glauben, dass er bei aller glänzenden Virtuosität und Agogik, die in seinen eigenen Kompositionen dem Cellosolisten abverlangt werden, selbst keinen Stachel am unteren Ende des Instruments benutzt haben soll. Für den Feinschliff seines Vortrags nahm er sich die Geiger Charles-Auguste de Bériot (1802–1870) und Henri Vieuxtemps (1820–1881) zum Vorbild. Exaktheit und Anmut der franco-belgischen Violinschule versuchte er, auf sein Instrument zu übertragen.

Studiert hatte der am 7. Dezember 1843 in der Prager Josefstadt, dem alten jüdischen Viertel, geborene Popper bei Goltermann am Konservatorium seiner Heimatstadt. Sein Vater Angelus Popper amtierte als Synagogen-Kantor. Die musikalische Begabung des Jungen muss stupend gewesen sein. Entsprechend steil war seine Laufbahn. Bereits 1861, kurz nah seinem Abschluss, konzertierte er mit dem Leipziger Gewandhausorchester. 1863 wird der 20-Jährige Mitglied der fürstlich Hohenzollern-Hechingen’schen Kapelle im schlesischen Löwenberg.

Das Cellokonzert Nr. 1 op. 8

Dem Wiener Debüt wenige Jahre später folgte – auf Empfehlung Hans von Bülows – ab 1868 ein Engagement als Solocellist der Wiener Hofoper. In dieser Zeit entstand auch Poppers 1. Konzert für Violoncello und Orchester op. 8. Eigentlich erstaunlich, denn Popper war neben dem „Opern-Frondienst“ im Orchestergraben weiterhin als reisender Virtuose in ganz Europa unterwegs, lebte mehr oder weniger in Zügen und Hotels und war zudem noch Mitglied im Hellmesberger-Quartett.

Möglicherweise lässt sich die ambivalente Wirkung des 1. Cellokonzerts durch die unruhigen Lebensumstände des Komponisten erklären. Einerseits handelt es sich um akademische Musik at its best – ausgefeilt, technisch überaus anspruchsvoll, ästhetisch voll inniger Romantik mit hohem mitteleuropäischem Kulturanspruch –, andererseits kommen manche Ideen allzu brav daher.

Die Solophrasen wie beim Seitenthema des 1. Satzes sind Popper etwas verquer und sehr langatmig geraten oder wie im 2. Satz recht iterativ. Ob ihm – als einem der größten Virtuosen seiner Zeit – bei der Uraufführung des 1. Konzerts auf dem Podium dämmerte, dass selbst er an den Grenzen seiner technischen Fähigkeiten agierte? Oder es handelt sich schlicht um einen „typischen Fall von jugendlichem Leichtsinn“ – so die Ansicht des Interpreten in der vorliegenden Aufnahme, Wen-Sinn Yang.

Als Poppers solistische Auftritte begannen, überhandzunehmen, entschloss er sich 1873, auf die feste Stelle an der Hofoper in Wien zu verzichten. Wichtige Künstler-Kontakte hatte er in der Zwischenzeit reichlich geknüpft: etwa zu Anton Bruckner, für dessen 3. Sinfonie er sich bei den Wiener Philharmonikern noch stark machen konnte, zu Johannes Brahms, mit dem er später auch gemeinsam musizierte, und zu Franz Liszt. Problematisch sollte das zwischen gegenseitigem Respekt und Bewunderung oszillierende Verhältnis zu Richard Wagner bleiben: Popper hatte den „unverzeihlichen Fehler“ begangen, sich gegenüber dem Bayreuther Meister wohlwollend über Brahms zu äußern …

Das Cellokonzert Nr. 2 op. 24

Gemeinsam mit seiner ersten Frau, der Liszt-Schülerin Sophie Menter, als Klavierbegleiterin ging David Popper erneut auf große Konzerttournee. Die gemachten Erfahrungen des reisenden Cellovirtuosen hört man dem reiferen, 2. Cellokonzert in e-Moll op. 24 von 1880 ebenso an wie dem „Wurf“ des einsätzigen 3. Cellokonzerts in G-Dur op. 59 von 1888. Wieder gilt es, technische Schwierigkeiten auf höchstem Niveau zu meistern!

Das 2. Konzert hat nicht nur Kraft, sondern auch einen erheblichen Drive. Popper zeigt sich auf der geistigen Höhe seiner Epoche. Ihm ist hier ein frühes Meisterwerk geglückt. Eine wirklich runde Sache! Sein Temperament und romantisches Feeling kommen in diesem Werk besonders schön zur Geltung – insbesondere wenn man an die geradezu opernhafte Dramatik des 1. Satzes denkt. Der 2. Satz „Andante maestoso“ ist von großer emotionaler Tiefe geprägt. In dieser Einspielung wurde er am Ende des ersten Aufnahmetags fast in einem einzigen Take auf Silberscheibe gebannt! Toll der Finalsatz: eine wunderbare Mischung aus Virtuosität, Pomp und Stilgefühl. Die Euphorik des 2. Themas bleibt lange im Ohr.

Das Cellokonzert Nr. 3 op. 59

Vermutlich ist das 3. Konzert für einen privaten Rahmen entstanden. Darauf deutet auch Poppers Widmung an „Sr. Excellenz dem Kaiserl. Russischen Staatsrath von Ogarew“ hin. Zudem ist die Orchesterbesetzung im Vergleich zum 2. Konzert etwas kleiner. Nichtsdestoweniger berührt der kompakte Schwung, das Essenzielle der Aussage.

Dankbare Melodien ziehen durchs Stück. Da verschmerzt man gerne, dass sich Poppers genuine musikalische Fantasie in der gebotenen Kürze nicht voll entfalten kann.

Spätwerk & Würdigung

Erst 1896 ließ sich David Popper in Budapest nieder und band sich als Professor an das von Franz Liszt gegründete Konservatorium. Rasch avancierte er zu einem der gefragtesten Pädagogen Europas. Dies hinderte ihn jedoch nicht daran, weiterhin eine rege Konzertkarriere zu verfolgen. Neben seinen Erfahrungen als Orchestermusiker und Solist trat nun verstärkt eine rege Kammermusiktätigkeit. Mit Jenö Hubay, seinem Geiger-Kollegen an der Akademie, gründete er das Hubay-Popper-Quartett – 30 Jahre lang eine der führenden Quartettformationen weltweit mit Gastmusikern wie Brahms, Dohnányi, Paderewski, Backhaus und Godowsky.

Aufgrund seiner Erkenntnisse in der Kammermusik und den zunehmend höheren Anforderungen, die zeitgenössische Solokonzerte, Sonaten und Virtuosenstücke mit sich brachten, mag in Popper der Entschluss gereift sein, neues Etüdenmaterial für sein Instrument zu entwickeln. Am Anfang des 20. Jahrhunderts entstand daher die „Hohe Schule des Violoncellspiels“ in vier Heften zu je zehn Etüden – bis heute ein Standardwerk der Unterrichtsliteratur.

Die Umstände von David Poppers Tod tragen Züge des Finales eines Boulevard-Gesellschaftsdramas: In Baden bei Wien wurde 1913 im Familien- und Freundeskreis seine Ernennung zum ungarischen Hofrat gefeiert. Doch der Schwächeanfall des so Geehrten wurde von den Anwesenden statt als Vorbote eines tödlichen Herzinfarkts lediglich als Zeichen „freudiger Aufregung“ fehlinterpretiert. Offenbar hatte man dem nimmermüden Musiker und Pädagogen selbst trotz seines deutlich vorangeschrittenen Alters keine Totalerschöpfung zutrauen wollen … Entsetzlich dagegen, dass Poppers zweite Frau Olga wie viele weitere Familienmitglieder in die Mühlen des Holocausts geriet und in der Gaskammer eines Vernichtungslagers ermordet wurde.

Poppers Erbe lebt durch seine vielen Schüler, die ihrerseits wieder bedeutende Lehrer wurden, weiter. Ein Großteil seines Œuvres harrt noch der Wiederentdeckung. Sensationell, was dem Publikum in den 1880er Jahren neben den Hauptwerken von Bruckner (*1824), Brahms (*1833), Tschaikowsky (*1840) und Dvořák (*1841) sonst noch alles an Wunderbarem geboten wurde. David Popper (*1843) darf als Jüngster im Bunde durchaus in dieser Reihe genannt werden …

Richard Eckstein

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